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Wenn’s passen soll, dann mit digitalem Pass

13. September 2022

Die Einführung eines digitalen Produktpasses ist mit dem Entwurf einer EU-Verordnung zum Ecodesign für nachhaltige Produkte ein großes Stück näher gerückt. Die offenen und globalen GS1 Standards erweisen sich dabei als ideales Werkzeug. Dementsprechend viel ist hier gerade in Bewegung!

2050

Bis zu diesem Jahr soll Europa zum ersten klimaneutralen Kontinent werden. So sieht es zumindest der „European Green Deal“ vor, den die EU-Kommission als Fahrplan im Umgang mit den Herausforderungen rund um Klimawandel und Umweltschutz vorgelegt hat. Dieser wird von zahlreichen Initiativen und Verordnungen begleitet, darunter auch ein Aktionsplan zur Umsetzung einer Kreislaufwirtschaft. Dabei wird der gesamte Lebenszyklus von Produkten und Materialien, beginnend bei der Rohstoffgewinnung über die Produktion und die Verwendung bis zur Wiederverwendung, betrachtet. Ein am 30. März 2022 von der Europäischen Kommission vorgelegter Verordnungsentwurf sieht neben vielen verschiedenen Maßnahmen auch die Einführung eines digitalen Produktpasses (DPP) vor. Dieser Pass soll in Zukunft sämtliche Komponenten eines Produkts und deren Herkunft dokumentieren und so für mehr Information sorgen. Für GS1 Austria Geschäftsführer Gregor Herzog, der in seiner Funktion als Vorsitzender von GS1 in Europe gerade intensiv mit diesem Thema beschäftigt ist, soll der DPP auch „den Lebenszyklus eines Produkts verlängern! Denn: Je mehr ich über ein Produkt weiß, umso besser kann es repariert, upgegradet oder neuen Verwendungszwecken zugeführt und so seine Lebensdauer erhöht werden“. Das Um und Auf für die Umsetzung dieser Maßnahmen und Konzepte sind – so der Tenor aller beteiligten Experten – umfassende Daten in hoher Qualität. 

Ein digitaler Produktpass muss mit den bestehenden Prozessen und Standards übereinstimmen, damit er von Unternehmen und Verbrauchern einfach angewendet werden kann.

Christel Delberghe, Vorsitzende EuroCommerce

Womit wir bei der Rolle von GS1 wären …

Der Verordnungsentwurf verweist als Grundlage für den Produktpass mehrfach auf ISO-Normen und globale offene Standards, die eine Interoperabilität gewährleisten sollen. Die eindeutige Produktidentifizierung wird auch als grundlegendes Element für die Rückverfolgbarkeit in der gesamten Lieferkette angesehen. Als unabhängige Non-Profit-Organisation erfüllt GS1 genau diese Anforderungen, was laut Gregor Herzog „für uns von Anfang an als Aufruf zum Handeln galt!“. Entsprechend eifrig wird auch bei GS1 in Europe gearbeitet. 
So wurden bereits die Grundprinzipien für eine mögliche Datenarchitektur des Produktpasses (siehe Kasten) festgelegt. Darüber hinaus ist GS1 in Europe auch Teil des CIRPASS-Konsortiums, das mit 31 Teilnehmern – da­runter etwa Fraunhofer, W3C, TU Delft, Global Battery Alliance und DigitalEurope – an der Lösung für einen digitalen Produktpass in den Bereichen Batterie, Consumer Electronics und Textil arbeitet. Auch um die Interessen des Einzelhandels auf dem Weg zum Produktpass zu vertreten, wurden bereits die ersten Schritte unternommen, wie etwa eine Übereinkunft zwischen GS1 in Europe und EuroCommerce. Dessen Vorsitzende Christel Delberghe sagt: „Ein digitaler Produktpass muss mit den bestehenden Prozessen und Standards übereinstimmen, damit er von Unternehmen und Verbrauchern einfach angewendet werden kann.“

Der Prozess beim Verbraucher

Wie bei einem Akkuschrauber mit vier einfachen Scans Informationen zum Produkt empfangen und gesendet werden können –
ein Fallbeispiel

 

 

 

 

 

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Der Vorteil offener Standards

Welchen Vorteil – vor allem in Bezug auf das Kosten-Nutzen-Verhältnis – offene und globale Datenstandards gegenüber proprietären Systemen haben, wurde kürzlich auch in einem Bericht von Deloitte zu den „Auswirkungen offener, internationaler Standards auf die Kreislaufwirtschaft in Europa“ veröffentlicht. Dies zeigt, dass ein Einsatz von mehreren ­proprietären Identifikationsstandards für erheblich mehr Kosten und Verwaltungsaufwand sorgen würde. So wurde beispielsweise berechnet, dass sich die geschätzten Kosten für die Umsetzung eines DPP über einen Zeitraum von zehn Jahren bei proprietären Standards auf 63 bis 152 Mrd. Euro belaufen würden, bei einem globalen, offenen und auf interoperablen Standards basierenden Modell jedoch nur auf 3 bis 7 Mrd. Euro. Diese Kosten würden sich laut Deloitte-Bericht summieren und in der Wertschöpfungskette weitergegeben werden, was letztendlich die Endverbraucher belasten und die Erreichung der Kreislaufwirtschaft verlangsamen würde.

Batteriepass als Vorreiter

Wie es funktionieren kann, zeigt der „Batteriepass“, für dessen Umsetzung sich GS1 und die Global Battery Alliance (GBA) bereits im vergangenen Jahr zusammengeschlossen haben. Dieser ist ab 1. Jänner 2026 für jede Industriebatterie sowie jede Batterie für Elektrofahrzeuge mit einer Kapazität von mehr als 2 kWh verpflichtend. Das bedeutet, dass jede Batterie einen elektronischen Datensatz haben muss, der laut EU-Verordnung „für jede Batterie einmalig sein und durch einen eindeutigen Schlüssel identifiziert werden soll“. GS1 Identifikationsnummern sollen hier zunächst die Verbindung zwischen der physischen Batterie und der im DPP elektronisch verfügbaren Information herstellen. Weiters werden GS1 Standards die Information strukturieren und den Datenaustausch entlang des Produktlebenszyklus unterstützen. 

Gregor Herzog © GS1 Austria/Katharina Schiffl

Unsere Aufgabe ist es, die bestehenden GS1 Standards an die Gegebenheiten anzupassen.

Gregor Herzog, Geschäftsführer GS1 Austria

Wie’s weitergeht …

Auf gesetzlicher Ebene müssen nun das Europäische Parlament und der Rat der EU zur vorliegenden Verordnung Stellung nehmen. Im Laufe des Jahres 2023 wird dann die Verordnung beschlossen, die direkt, ohne nationale Beschlüsse, in den Mitgliedstaaten umzusetzen sind. Gleichzeitig wird die Europäische Kommission festlegen, welche Produktgruppen bei der Einführung des DPP vorrangig behandelt werden sollen. Grundsätzlich betrifft das alle in Europa vermarkteten Produkte, ausgenommen sind lediglich Lebensmittel, Tierfutter und Arzneimittel. GS1 in Europe rechnet damit, die nächsten zehn Jahre mit diesem Thema beschäftigt zu sein. Gregor Herzog sieht die Aufgabe von GS1 hier vor allem darin, „die bestehenden GS1 Standards an die Gegebenheiten anzupassen“. Da geht es beispielsweise darum, wie rechtliche Verantwortlichkeiten durch die Identifikation der Wirtschaftsteilnehmer für Reparatur und Wiederaufbereitung mittels Global Location Number (GLN) gelöst und dafür auch die notwendigen Daten zur Verfügung gestellt werden können. Auf jeden Fall zeigt sich Herzog sehr zuversichtlich, wenn es um die Nutzung dieser „Jahrhundertchance“ für GS1 geht: „Wir werden alles dafür tun, um aus einem für eine derzeit lineare Versorgungskette vorgesehenen Standard einen Kreislaufstandard zu machen.“ 

Die von GS1 in Europe vorgeschlagene Architektur für digitale Produktpässe

  1. Sie basiert auf der Identität des Produkts, die beständig ist, und nicht auf der Identität des Datendienstes oder Produktpasses.
  2. Sie bietet ein Maximum an Flexibilität und Zukunftssicherheit für Wirtschaftsakteure und Regulierungsbehörden, indem sie neben digitalen Abläufen auch maschinenlesbare Daten bereitstellt.
  3. Sie unterstützt potenzielle Geschäfts- und Marketingvorteile, die durch einen digitalen Produktpass nutzbar werden, und steigert die Effizienz bei Minimierung des Aufwandes.
  4. Sie ist dezentral organisiert. Obwohl alle Beteiligten mit dem physischen Produkt als Ausgangspunkt identifiziert und vernetzt sind, gibt es dadurch keine zentrale Schwachstelle (Single Point of Failure) bei der Dateninfrastruktur und somit keine Abhängigkeit von einem einzigen Dienst.
  5. Sie definiert die Rolle eines Archivs/Notars als eine Einrichtung, die die Einhaltung der Vorschriften überwachen und als Datenspeicher fungieren kann.
  6. Sie basiert auf offenen Standards, wie sie bei GS1 und mit vielen verschiedenen Anwendern entwickelt wurden, und gewährleistet Interoperabilität.
  7. Sie ist skalierbar und kann mit neuen Technologien erweitert werden, um eventuell den Recyclinganteil oder Zertifikate (wie Echtheits- oder Ursprungsnachweis) zu liefern.

 

Mehr zu GS1 in Europe und dem digitalen Produktpass
 

CASH Podcast mit Gregor Herzog „Vom Wegwerfprodukt zum intelligenten Kreislauf“

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