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Round Table Rückverfolgbarkeit: einfache Lösungen sind gefragt

7. Dezember 2020

Wie sieht es mit der Umsetzbarkeit von Rückverfolgbarkeitssystemen in Österreich aus? Das wurde auf Einladung von GS1 Austria bei einem spannenden Round Table mit Experten aus der Praxis diskutiert.

Im September veranstaltete GS1 Austria einen Round Table zum Thema Rückverfolgbarkeit. Zum Einstieg bat Moderator Johannes Mayr von KeyQUEST Marktforschung alle Teilnehmer um ein paar Schlagworte zum Thema. Dabei stachen zwei besonders hervor: „Digitalisierung“ und „Komplexität“. Das heißt, dass sich einerseits anhand der fortschreitenden Digitalisierung immer mehr Möglichkeiten zur Rückverfolgung bieten, andererseits das Thema in vielen Bereichen aber so komplex ist, dass es doch noch einige Hürden zu bewältigen gibt.

Dafür braucht es – und da waren sich alle Experten einig – ein einheitliches und vor allem ein einfach zu bedienendes System. Denn: „Was nutzt das beste System, wenn die Daten nicht eingegeben sind?“, weist Rüdiger Sachsenhofer von AMA Marketing hin. Dem stimmt auch Michael Hiebaum von AGM zu: „Es darf keinesfalls zu bürokratisch werden, damit es auch regionale Anbieter nutzen können.“ Bernhard Höslinger von Metro C&C Österreich räumt ein: „Es ist schwer vorstellbar, dass sich Landwirte nach getaner Arbeit abends noch mit der Bewältigung von Daten beschäftigen wollen.“

Bei Rückverfolgbarkeit sollte man sich immer die Frage stellen: Wie viel brauche ich vernünftigerweise?

Josef Braunshofer, Geschäftsleitung Berglandmilch eGen

Ganz ohne Aufwand wird´s natürlich nicht gehen, aber „diese paar Minuten im Vergleich zur Aufzucht eines Tieres muss man sich einfach nehmen“, meint Thomas Primus von FoodNotify. Gregor Herzog von GS1 Austria ist überzeugt, dass „dieses Thema zu knacken ist“, sieht hier aber jedenfalls ein „langsames Herantasten“.

 

Einblicke in die Praxis

Geht es um die praktische Umsetzung von Rückverfolgbarkeitssystemen, hat sich in Österreich in den letzten Jahren – nicht zuletzt um dem steigenden Interesse an der Herkunft von Lebensmitteln beim Konsumenten gerecht zu werden – einiges getan. So verfolgt beispielsweise die Berglandmilch laut Josef Braunshofer hier vor allem den „Regionsansatz“. Das heißt, „es sind nicht nur einzelne Bauern wichtig, sondern gesamte Regionen“. So zum Beispiel bei TirolMilch, wo laut Braunshofer auch „100 % Tirol drin ist“. Zusätzlich zur Regionalität ist für Braunshofer auch besonders wichtig, „dem Kunden mit seinen Produkten einen Mehrwert mitzuliefern – Stichwort gentechnikfrei“.

Der Konsument darf nie getäuscht werden.

Thomas Primus, CEO & Gründer, FoodNotify GmbH

Wie gut es funktionieren kann, zeigt auch Franz Oberndorfer von Gourmetfein Fleischproduktion vor. So werden bei Gourmetfein die zu 100 % aus der Region stammenden Produkte von Anfang an chargenweise getrennt und jeder einzelne Schritt – von der Schlachtung über die Zerlegung und Verarbeitung bis hin zur Auslieferung der Fleischprodukte – mittels Strichcode erfasst. Solch ein „geschlossenes System“ bietet laut Oberndorfer viele Vorteile und „kostet nicht die Welt“. Was die Umsetzung betrifft, sieht Bernhard Höslinger den Handel eher als „Getriebenen“ und weiß, dass das, was der Konsument nachfragt, auch über kurz oder lang zur Verfügung gestellt werden muss.

Für Michael Hiebaum bedarf es im Handel auf jeden Fall einer „strukturierten und einheitlichen Vorgehensweise“. Auch Gregor Herzog sieht das Thema Rückverfolgbarkeit ganz klar als „Community-Thema“, das „nicht nur ein gesetzliches Anliegen ist, sondern über alle Branchen hinweg vor allem auch ein Differenzierungsmerkmal darstellt“.

Die Rolle des Handels ist es, gemeinsam Standards zu finden.

Michael Hiebaum, Leitung Organisation, C&C Abholgroßmärkte Gesellschaft m.b.H.

 

Wie weit muss Rückverfolgbarkeit gehen?

Im Fokus der Aufmerksamkeit standen beim Konsumenten bei der Herkunftsfrage hauptsächlich Fleisch, Fisch, Milch und Eier – sogenannte Monoprodukte. Geht es um Tiefkühlpizza oder Energydrink, sieht es schon wieder anders aus. „Je weiter weg man vom Urprodukt ist, umso abstrakter wird es“, so Gregor Herzog. Laut Rüdiger Sachsenhofer muss man sich in solchen Fällen „besonders gut überlegen, was wirklich einen Mehrwert für den Konsumenten darstellt. Und: Es muss umsetzbar und leistbar sein. Sonst wird es langfristig weniger verarbeitete Lebensmittel aus regionaler Herstellung geben“.

Rückverfolgbarkeit hat viele Vorteile für Betriebe – innerbetrieblich und gegenüber dem Konsumenten.

Rüdiger Sachsenhofer, Bereichsleiter QM, AMA Marketing GmbH

Bernhard Höslinger ist der Meinung, dass der Konsument „hier wohl einige Kompromisse eingehen muss“. Als Beispiel nennt er hier Erdbeerjoghurt, wo zwar die Milch aus Österreich kommt, aber der „Konsument in Kauf nehmen wird müssen, dass die Erdbeeren aus Ägypten oder den Niederlanden kommen, wenn das Produkt 365 Tage in gleichbleibender Qualität erhältlich sein soll“. Wo sich die Teilnehmer des Round Tables nicht ganz einig waren, ist beim Thema Kontrolle. Einige plädieren für gesetzliche Vorgaben, andere sehen wiederum mehr Chancen in der freiwilligen Nutzung von Rückverfolgbarkeitssystemen. Josef Braunshofer sieht über allem stehend ohnehin den „Kunden als besten Kontrollor“.

Es ist viel einfacher, in einem geschlossenen System zu arbeiten.

Franz Oberndorfer, Mitglied Geschäftsleitung, Gourmetfein GF Fleischproduktion GmbH & Co. KG

Baustelle Gastronomie

Während das Interesse an der Herkunft von Lebensmitteln im LEH schon sehr weit vorangeschritten ist, hinkt die Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung – da herrschte Einigkeit am Round Table – noch weit hinterher. Michael Hiebaum sieht dies vor allem im „unterschiedlichen Bewusstsein des Endkonsumenten bei Gastro und LEH“. Auch Thomas Primus bestätigt, dass der „Druck in der Gastro größtenteils nicht da ist. Es wird nicht nachgefragt!“. Für Bernhard Höslinger ist zwar „ein langsames Umdenken erkennbar – zum Beispiel bei der Regionsangabe von Fleisch auf der Speisekarte“, dennoch sieht er den Treiber in der Gastro eher gesetzlich als in der Nachfrage.

Franz Oberndorfer sieht vor allem kritisch, dass „die Werbung stets suggeriert, dass alles aus Österreich kommt – dem aber nicht so ist“. Er ist überzeugt, „dass auch der Gast in Zukunft immer mehr Gespür dafür kriegt, was er am Teller haben will“. Daher stimmen auch alle Teilnehmer des Round Tables der Feststellung von Rüdiger Sachsenhofer zu, dass in der Gastronomie „noch viel Luft nach oben ist“.

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